Reisebericht: Kultur- und Naturerlebnisreise nach Dessau
von Monika Zehmisch
5. Kultur- & Naturerlebnisreise des Meerbuscher Kulturkreises; Bauhaus - Gartenreich - Luther
Der Meerbuscher Kulturkreis (MKK) hat sich mit einer 35-köpfigen Reisegruppe bei bestem Wetter für vier Tage erneut zu einer Reise aufgemacht, bei der Kultur- und Naturerlebnis gelungen miteinander kombiniert wurden.
Anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Bauhaus in Dessau“ gibt es 2025/26 ein umfangreiches Festprogramm, das die Idee zur Reise in diese Region gab. Ein Zwischenstopp beim Fagus-Werk in Alfeld bot eine erste Gelegenheit, um sich dem Thema Bauhaus auf industrielle Weise zu nähern. In einer Führung über das Gelände wurde einem die Geschichte des Fagus-Werkes (Lateinische Ableitung von „Buche“), gegründet 1911, bis hin zu seiner heutigen Nutzung interessant nähergebracht. Carl Benscheidt galt als Pionier, weil er Schuhleisten nach neuesten Erkenntnissen der orthopädischen Forschung herstellte. Weitsicht bewies Benscheidt auch beim Firmengebäude, das er von dem damals noch unbekannten jungen Architekten Walter Gropius entwerfen ließ, der dann später als Gründer des Bauhauses in die Architekturgeschichte einging. Das Fagus-Werk gilt heute als Ursprungsbau der modernen Industriearchitektur und ist seit 2011 UNESCO-Welterbe. Heute werden hier aber nicht mehr nur Schuhleisten und -formen (nunmehr aus Kunststoff) hergestellt, sondern auch elektronische Systeme im Bereich Messtechnik, Inspektion und Brandschutz.
Nach einer kleinen Stärkung konnten auf der Weiterfahrt nach Dessau die ersten Eindrücke verarbeitet und beim Abendessen im Hotel ausführlich diskutiert werden.
Am nächsten Morgen startete man bei strahlendem Sonnenschein mit der versierten Vorort-Reiseleitung zu einer ersten Orientierungsfahrt durch Dessau und Umgebung. Dessau, heute Dessau-Roßlau, an der Elbe und Mulde gelegen, ist eine kreisfreie Großstadt und eines von drei Oberzentren im Land Sachsen-Anhalt. Sie ist sehr großflächig mit rund 245 km², aber eine „schrumpfende“ Stadt von ca. 80.000 Einwohnern von einstmals über 100.000. Im 2. Weltkrieg wurde die Stadt zu über 80 % zerstört und durch die immense Trümmerwüste wurde das historische Stadtbild radikal und dauerhaft verändert. Der Aufbau zur DDR-Zeit ist auch heute noch im Stadtbild zu erkennen. Aber sichtbar geblieben ist die Siedlung Törten, die bereits zwischen 1926 und 1928 als eines der bedeutendsten Projekte des Bauhauses unter der Leitung von Walter Gropius entstand. Sie galt als Schlüsselbeispiel für das funktionale und serielle Bauen der Moderne und sollte der extremen Wohnungsnot für einkommensschwache Familien entgegenwirken. Besonders in Erinnerung geblieben ist den Teilnehmern bei der Rundfahrt das Gebäude des Umweltbundesamtes von den Architekten Sauerbruch/Hutton (Fertigstellung 2005); ein geschwungener farbenprächtiger Baukörper (Büroschlange), dem natürlich auch ein umfangreiches Energiekonzept zugrunde liegt.
Der sich anschließende kurze Rundgang durch die Innenstadt führte vorbei am Johannbau des Dessauer Stadtschlosses, das im 16. Jahrhundert von Fürst Johann IV. erbaut wurde. Heute befindet sich dort das Museum für Stadtgeschichte. Auf dem großen Marktplatz steht neben dem Dessauer Rathaus, das im Stil der Neorenaissance erbaut und 1901 feierlich eingeweiht wurde, die Dessauer Friedensglocke. Sie ist ein Mahnmal, entstanden aus eingeschmolzenen Waffen der damaligen Kampfgruppen der DDR. Bereits im Januar 1990 beschloss der Runde Tisch in Dessau diese Waffen unbrauchbar zu machen, aber die Realisierung des Projekts dauerte noch bis Anfang der 2.000-er Jahre.
Nach einer gemütlichen Mittagspause ging es weiter in Richtung Wörlitz. Bei dem zwischen 1769 und 1773 errichteten Schloss handelt es sich um das Erstlingsbauwerk des deutschen Klassizismus und diente einst als Sommersitz des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau. Bei einer Führung durch die reich ausgestatteten Räume erweckte die fachkundige Führerin mit schauspielerischem Talent die Epoche der Aufklärung zum Leben.
Einen romantischen Kontrast bot die anschließende Gondelfahrt auf dem Wörlitzer See, bei der die Gruppe die Seele gleichermaßen baumeln lassen konnte.
Im Biergarten „Zum Alten Dessauer“ genoss die Reisgruppe später ein rustikales Essen und einen lauen Herbstabend.
Der 3. Tag startete mit einer Führung durch das von Walter Gropius entworfene und im Jahre 1926 eröffnete Bauhaus-Gebäude, das bis zu seiner Schließung im Jahre 1932 eine Blütezeit erlebte. Seit 1996 gehört das Gebäude offiziell zum Weltkulturerbe. Es ist Sitz der Stiftung Bauhaus Dessau und wird für Ausstellungen, Lehre (Hochschule Anhalt) sowie Forschung genutzt. Die Form des Gebäudes folgt streng seiner Funktion. Die unterschiedlichen Aufgaben – Werkstatt, Schule, Verwaltung und Wohnen – sind in separaten, asymmetrisch angeordneten Baukörpern untergebracht. Prägend ist die aufgelöste, feingliedrige Stahl-Glas-Fassade (Vorhangfassade), die den Blick ins Innere freigibt und auf schwere Ecken verzichtet. Eine zweigeschossige Brücke verbindet den Werkstattflügel mit dem Berufsschulteil und diente früher als Verwaltungstrakt. Dazu gab es einen fünfgeschossigen Trakt mit kleinen Balkonen, der damals als Wohnheim für Studierende diente. Die Teilnehmer sind überrascht über die klare Formensprache in dieser Zeit, die bis heute in vielen Bereichen Gültigkeit hat.
Anschließend besichtigte man auch drei der von Gropius entworfenen sechs Meisterhäusern, in denen sich zum Teil noch das Mobiliar aus der Zeit befindet. Sie liegen idyllisch in einem Kiefernwald in der Nähe des Schulgebäudes. Es handelt sich um drei Doppelhäuser für je zwei Meister – Lyonel Feininger und László Moholy-Nagy, Georg Muche und Oskar Schlemmer sowie Wassily Kandinsky und Paul Klee – plus das Direktorenhaus; alle streng aufgeteilt nach dem Wahlspruch „Form folgt der Funktion“ und doch im Inneren sehr individuell eingerichtet.
Nach einem geselligen Mittagessen im historischen Innenhof des Restaurants „Küchengebäude“ direkt am Schloss folgte eine ausführliche Parkführung. Begleitet von ihrer engagierten Reiseführerin erkundeten die Meerbuscher die einzigartige Kulturlandschaft an Elbe und Mulde, die mit perfekt inszenierten Sichtachsen besticht. Ein reizvoller Wechsel folgte beim Besuch des Parks von Schloss Oranienbaum, das als barocke Anlage ein kleines Stück Holland nach Sachsen-Anhalt bringt.
Den passenden Schlusspunkt des Tages setze ein stilvolles Abendessen auf der Terrasse des Restaurants „Kornhaus“ in Dessau. Das von Carl Fieger entworfene Gebäude bot den Teilnehmern die Gelegenheit, in bester Bauhaus-Architektur und direktem Elbeblick auf die gelungene Kulturreise zurückzublicken.
Bevor es für die Reisegruppe zurück in die Heimat ging, stand am Tag der Rückreise der Besuch der Lutherstadt Wittenberg auf dem Programm.
Bei einem geführten Altstadtbummel wandelte die Gruppe auf den Originalschauplätzen der Reformation. Die Stadtführer verstanden es meisterhaft, die packende Geschichte rund um die Schlüsselfiguren der Epoche lebendig werden zu lassen. Im Mittelpunkt stand dabei nicht nur der rebellische Mönch Martin Luther und sein treuer, hochgebildeter Weggefährte Philipp Melanchthon. Besonders die Lebensgeschichte von Katharina von Bora – Luthers Ehefrau, eine entflohene Nonne und kluge Managerin des lutherischen Großhaushaltes - faszinierte die Meerbuscher. Hier wurde der Grundstein für Veränderungen gelegt, die weit über die Religion hinausgingen und die Welt in Politik, Gesellschaft und Kultur bis heute nachhaltig prägen.
Beim Halt an der berühmten Schlosskirche, an deren Portal Luther 1517 seine 95 Thesen schlug, stellten die Stadtführer eine Brücke zur jüngeren deutschen Geschichte her: der Wendezeit 1989, indem er betonte, dass Freiheit und Demokratie für uns heute selbstverständlich sind, aber weiterhin aktiv gestaltet werden müssen.
Es war eine wunderschöne Reise voller Kultur, anregender Gespräche und bleibender Eindrücke. Ein herzliches Dankeschön an alle Mitreisenden für die wunderbare Atmosphäre! Die Planung für die nächste Reise läuft bereits.
Reiseleitung: Christa Ahrens-Wilke und Doris Beseler
Fotos:
Christa Ahrens-Wilke
Doris Beseler
Helmut Uthke